Das Beispiel von Live Nations Monster-Arena
Ein Kommentar
Es gibt Bauwerke, die sind Denkmäler der Ingenieurskunst. Es gibt Bauwerke, die sind Denkmäler der Verschwendung. Und dann gibt es die „Munich Arena“ am Flughafen – ein Projekt, das so absurd ist, dass es eigentlich als Satire durchgehen müsste. Schon der Name ist eine kleine Frechheit: Sie heißt Munich Arena, steht aber in Freising. Söder selbst hat das bei der Gelegenheit betont.[3] Man kann sich die Stadt eben auch dann zum Aushängeschild nehmen, wenn man sie nicht gefragt hat. Oder gerade dann.
Die Lücke, die keine ist
Fangen wir mit der offiziellen Begründung an: München braucht eine Halle für 20.000 Leute, weil die Olympiahalle zu klein und das Olympiastadion zu groß sei. Klingt logisch, oder? Ist aber ein Märchen. Die Staatsregierung und ihre Partner haben eine „Lücke“ herbeigeredet, die es so nicht gibt. Wir haben in München den SAP Garden für rund 11.500 Leute, die Messehallen, und das Olympiastadion lässt sich mit etwas Phantasie in Bühnenplatzierung und Absperrung der unüberdachten Ränge auf eine regensichere Kapazität im Bereich von 20.000 bis 40.000 herunterbrechen. Und wer wirklich 80.000 Leute unterbringen will, der baut eben wie bei Adele eine temporäre Pop-up-Arena auf die Messe Riem – mit U2-Anbindung und ohne Beton im hohen Millionenbereich.
Es geht nicht um die Fans
Aber darum geht es gar nicht. Es geht nicht um die Fans. Es geht nicht um die Künstler. Es geht um ein Geschäftsmodell. Live Nation, der US-Konzern, der auch Ticketmaster besitzt, ist „langfristiger strategischer Partner“ des Projekts.[4] Offiziell soll die Arena eine offene Venue sein, die allen Veranstaltern gleichermaßen offensteht.[5] Das ist ein schöner Satz. Ich bin gespannt, wie lange er hält, wenn Booking, Ticketing, Catering und Merchandising aus einer Hand kommen und die Konkurrenz zu Hause bleibt, weil sie die Konditionen nicht wuppt. Ein vertikal integriertes Gelddruckmaschinen-Projekt in Freisinger Flur, das mit Kulturförderung ungefähr so viel zu tun hat wie ein Tankstellenshop mit Gastronomie.
Der Verkehr: ein Albtraum mit Ansage
Und der Preis dafür ist ein verkehrstechnischer Albtraum. Während der Olympiapark mit U3, U8, Tram, Bus und Mittlerem Ring ein multimodales Netz bietet, das Zehntausende Menschen verkraftet, setzt die Munich Arena auf… S1 und S8. Das war’s. Keine U-Bahn, keine Tram, keine Schienenalternative. 20.000 Menschen sollen nach dem Konzert gleichzeitig in eine S-Bahn strömen, deren Stammstrecke schon im Berufsverkehr kracht. Die rund 4.000 Parkplätze reichen rechnerisch für die Hälfte der Besucher, und das nur, wenn jedes Auto mit fünf Leuten besetzt ist, was im echten Leben nie passiert. Die A92 ist heute schon am Limit. Man muss kein Verkehrsplaner sein, um das zu sehen. Man muss nur eine Sommerferien-Freitag-Fahrt Richtung Flughafen hinter sich haben.
Die Stadt wollte nicht. Der Freistaat auch nicht gefragt.
Die Stadt München wollte diese Arena nicht. Sie hat im Aufsichtsrat der Flughafengesellschaft gegen den Grundstücksverkauf gestimmt. Der Freistaat hat dafür gestimmt. Fertig. Wer die Mehrheit hat, braucht keine Argumente. Und Söder hat es beim Spatenstich selbst ausgeplaudert: Man sehe die Größe des Projekts schon daran, „wie lange München dagegen war“.[1] Man muss diesen Satz zweimal lesen. Der Widerstand der Stadt, die den Verkehr, die Leerstände und die Folgekosten ausbaden darf, gilt in der Staatskanzlei nicht als Warnung, sondern als Gütesiegel.
Dass der Olympiapark um seine Existenz bangt, dass die Olympiahalle als zentraler Gewinnbringer der städtischen Tochter ausgetrocknet werden könnte, dass die Anwohner im Münchner Norden und im Landkreis Freising den Verkehr tragen: geschenkt. Hauptsache, der Ministerpräsident ist beim Spatenstich dabei, die Kameras sind da, und die Pressemitteilung spricht vom „Flaggschiff“.
Und warum?
Und jetzt kommt die Frage, die in München seit Monaten durch Büros, Kneipen und Rathausflure wandert und auf die niemand eine Antwort gibt, die eine wäre: Warum? Warum wirft sich der Freistaat mit voller Wucht hinter eine Halle, die verkehrlich nicht trägt, die einer städtischen Tochter das Geschäftsmodell wegnimmt und die die Stadt nicht will? Welches öffentliche Interesse soll das sein?
Ich behaupte nichts. Ich weiß nichts. Und genau das ist das Problem. Bayern lebt hervorragend von Dingen, die jeder zu wissen glaubt und keiner beweisen kann. Die Spatzen pfeifen es von den Dächern, und im Maximilianeum sitzt man darunter und lächelt. Man kann der CSU vieles vorwerfen, aber nicht, dass sie ihre Geschichte vergessen ließe: Amigo-Affäre, Maskenaffäre. Die Partei hat ein Verhältnis zu Nähe und Gefälligkeit, das man freundlich als „locker“ bezeichnen kann. Das heißt nicht, dass hier etwas faul ist. Es heißt nur: Wo schon einmal etwas faul war, darf man genauer hinsehen. Und wo man nicht genauer hinsehen kann, weil niemand etwas offenlegt, ist das Misstrauen kein Fehler der Bürger, sondern ein Ergebnis der Politik.
Wer nicht will, dass man ihm Motive unterstellt, muss seine Motive auf den Tisch legen: Gutachten, Verträge, Gesprächsprotokolle, Termine mit Investoren, Lobbykontakte. Wer das nicht tut, darf sich über die Gerüchte nicht beschweren. Er produziert sie.
Aus dem aufgezwungenen Projekt wird ein Sachzwang
Und wie elegant das dann weitergeht. Erst setzt man die Halle gegen den Willen der Stadt durch. Dann erklärt man sie zum Teil der Olympiabewerbung. Und plötzlich, so Söder, braucht auch München die Arena, nämlich für Olympia.[6] Aus dem aufgezwungenen Projekt wird ein Sachzwang, aus dem Sachzwang eine Alternativlosigkeit. Erst die Abhängigkeit selbst herstellen, dann auf die Abhängigkeit zeigen. Dass die Abendzeitung titelt, für Olympia brauche es die Halle nicht, stört da nur am Rand.
Wo bleiben die klugen Ideen?
Und was passiert mit den klugen Ideen? Mit einer flexiblen Falt- oder Cabrio-Halle auf der Messe, die man von 10.000 auf 50.000 Leute skalieren könnte? Mit einem modularen Konzept, das Wetterfestigkeit, Akustik und Fluchtwege intelligent löst? Nichts. Sie verschwinden in der Schublade, weil sie dem Deal im Weg stehen. Weil sie nicht von den richtigen Leuten kommen. Weil sie das politische Ego des Freistaats infrage stellen. Und weil sie nebenbei zeigen würden, dass die Monsterarena am Flughafen überflüssig ist.
Das Muster
Das ist Realpolitik im Jahr 2026: Man muss nicht recht haben. Man muss nicht das bessere Konzept haben. Man muss nicht die besseren Argumente haben. Man muss nur die richtigen Freunde in der Staatskanzlei haben und einen Konzern im Rücken, der die Milliarden hat, um seine Interessen durchzudrücken.
Die Munich Arena wird kommen. Sie soll 2029 eröffnet werden. Und wenn die ersten 20.000 Fans nach dem Konzert im strömenden Regen am Besucherpark stehen und auf eine überfüllte S-Bahn warten, während auf der A92 der Verkehr steht, dann wird irgendein Politiker vor die Kameras treten und sagen: „Das konnte niemand vorhersehen.“
Doch, konnte man. Es stand in jedem Einwand der Stadt, in jedem Verkehrsgutachten, in jedem Redebeitrag, den man weggelächelt hat.
Gestern wurde der Spatenstich gefeiert, mit Söder, Live Nation und freundlichen Worten.[2] Ob hinter diesem Projekt mehr steckt als Eitelkeit, Lobbyarbeit und der Wunsch nach schönen Bildern, weiß ich nicht. Und das ist der eigentliche Skandal: Ich kann es nicht wissen. Man lässt es mich nicht wissen. Das Einzige, was ich sicher weiß, ist, dass ich am Tag der Eröffnung im Regen an der S-Bahn stehen werde, während irgendwo jemand lächelt, der es besser wusste.
Das hier ist kein Sieg der Vernunft. Es ist ein Sieg der schlechten Politik. Und das Traurigste daran ist, dass es nicht das erste Mal ist und ganz sicher nicht das letzte Mal bleiben wird.
Quellen und Anmerkungen
Aufsichtsratsvotum und Söder-Zitat („Das sieht man schon daran, wie lange München dagegen war“): Abendzeitung München, „Auch für Olympia braucht es die Halle nicht: Warum der Unmut über die Munich Arena groß ist“. ↩
Spatenstich am 28.10.2026 mit Söder, Freisings Oberbürgermeisterin, Vertretern von Live Nation und Munich Arena: Pollstar, „Germany’s Munich Arena Breaks Ground“; web.de/GMX-Bericht zum Spatenstich. ↩
Grundstück auf Freisinger Flur, Bebauungsplan nach vierjähriger Prüfung durch Freising: web.de/GMX; aero.de, „Investor darf Konzerthalle am Flughafen München bauen“. ↩
Live Nation als langfristiger strategischer Partner (15. Mai 2025): Pressemitteilung von Live Nation Entertainment. ↩
„Offene Veranstaltungsstätte für alle Veranstalter“, geplante Eröffnung 2029, Sorge um die Olympiahalle: Abendzeitung München, „Neue 20.000er-Arena am Flughafen München: Wird die Olympiahalle kaum noch gebucht?“. ↩
Olympia-Bezug (Söder: München brauche die Arena inzwischen für Olympia): Abendzeitung München, „Neue Konzert-Arena: Spielen die Stars alle bald nur noch in Freising?“; Arena in Münchens Venue-Plänen für 2036/2040/2044: Pollstar. ↩
Redaktionelle Anmerkung (Noch zu belegen): Parkplatzzahl (ca. 4.000), Lage und Auslastung der A92, Kapazität der Messehallen, Adele-Pop-up-Arena (Messe Riem), Amigo- und Maskenaffäre.

